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09 April 2010 @ 12:16 am
 
An Melinde

Nicht schäme dich, du saubere Melinde
Daß deine zarte Reinlichkeit
Der feuchte Mond verweist in eine Binde
Und dir den bunten Einfluß dräut
Der große Belt hegt Ebb’ und Flut,
Was Wunder, wenns der Mensch der kleine tut.

Die Rötlichkeit bei deinen bunten Sachen
Hat niemals deinen Schoß versehrt.
Wie Muscheln sich durch Purpur teuer machen,
So macht dein Schneckenblut dich wert.
Wer liebt ein Tintenmehr wohl nicht,
Weil man daraus Korallenzinken bricht?

Nur einmal bringt das ganze Jahr uns Nelken
Dein Blumenbusch bringt’s monatlich,
Dein Rosenstrauch mag nicht verwelken,
Sein Dorn, der hält bei dir nicht Stich,
Denn was die sanften Blätter macht,
Das ist ein Tau von der Johannisnacht.

Kannst du gleich nicht die Lenden hurtig rühren,
Lobt man dich doch im Stillestehn,
Der Augen Blau wird leichtlich sich verlieren,
Dann wirst du sein noch eins so schön.
Man sammelt, spricht die ganze Welt,
Viel bessre Frucht, wenn starke Blüte fällt.

Laß mich darum noch keine Fasten halten.
Ein König nimmt den Schrank zwar ein,
Doch muß er fort, wenn sich die Wasser spalten,
Der Geist muß ausgestoßen sein.
Man geht, wie jedermann bekannt,
Durchs rote Meer in das gelobte Land.

Christian Hoffmanns von Hoffmanswaldau

 
 
 
come tumbling through the looking glass: read bookdicingalice on April 8th, 2010 10:34 pm (UTC)
i've had this one lying about for the better part of a year, longer still. i was hesitant about posting it, not because it's brawdy... but because it's brawdy while trying to retain some level of sophistication.

and while that might kill any measure of goodness in any other piece, it helps to know that 'an melinde' is utmost german baroque poetry to put that notion into perspective.

yeah that and the fact that the last line always makes me chuckle.